Peter Brugger, Noemi Dannecker

Komplex aber bedeutungslos: die Rey-Osterrieth Figur

Sie stammt aus der Zeit des 2. Weltkrieges, die sinnleere komplexe Figur von André Rey. Der Genfer Psychologe hatte sie entworfen, um die zeichnerischen Fähigkeiten von Menschen nach Schädel-Hirn-Traumata zu studieren.

Tag für Tag wird die Figur auch heute noch weltweit Hunderten von Leuten vorgelegt mit der Bitte, sie zu kopieren. Jede Kopie wird gemäss eines Punktesystems bewertet, das Paul-Auguste Osterrieth, ein Schüler Reys, entwickelt und standardisiert hatte.

Neuropsycholog*innen schliessen aus der Art des Abzeichnens und der Qualität des Endproduktes auf die visuell-konstruktiven und die planerischen Fähigkeiten der untersuchten Person: sind die Einzelteile Stück für Stück aneinandergereiht worden, womöglich in der Schreibrichtung? Wurde erst das zentrale Rechteck kopiert, um dann die Einzelelemente zu platzieren? Zeigen sich Auslassungen, Verzerrungen, Fehlplatzierungen oder Hinzufügungen? Künstlerische Freiheiten werden der Testperson nicht gelassen, es bleibt kein Platz für Interpretation. Es sind Hirnschädigungen, die einer Person die «Freiheit» geben, vom Original abzuweichen; ein krankhafter Prozess in der rechten Hirnhälfte führt etwa zum Übersehen oder zur fehlerhaften Wiedergabe von linksseitigen Figurenelementen. Planungsschwierigkeiten bei Testpersonen können zu einer «Strichliste» führen: zwar sind alle Elemente vorhanden, sie bleiben aber unverbunden und beziehungslos. Aus dem gesichtsähnlichen Kreiselement im rechten Figurenteil kann schon einmal ein Smiley entstehen – ein Hinweis auf eine kognitiv-affektive Enthemmungsreaktion nach einer Stirnhirnverletzung.


Noemi Dannecker ist Doktorandin an der Klinik für Neurologie.

Prof. Peter Brugger leitet die Abteilung Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich.



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