Marco Giacometti, Andreas Kley

Familiensache

Giacometti der Künstler und Giacometti der Wissenschaftler

Alberto Giacometti hat nicht nur seine Bilder und Skulpturen, sondern auch das Bild von sich als Künstler sehr bewusst gestaltet. So liess er sich von Ernst Scheidegger in einer Zeitspanne von 25 sowohl in Paris als auch in Maloja und in Stampa immer wieder fotografieren.

Die Abbildungen zeigen die knetenden Hände Alberto Giacomettis an einer Skulptur. Das künstlerische Schöpfertum erreicht in beabsichtigten und zufälligen Anspielungen religiöse Dimensionen. Das ruft unmittelbar biblische Metaphern der Genesis hervor: «Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in die Nase den Lebensatem» (Gen. 2,7)23. Es ist folgerichtig, dass die hagiographische Literatur dem mit Erde arbeitenden Künstler eigentliche Schöpferqualitäten im biblischen Sinne zuspricht und ihn ins religiöse überhöht. (Fotos: © Ernst Scheidegger-Stiftung)

Die Fotos von Zaccaria Giacometti, Albertos Cousin, scheinen dem konträr gegenüber zu stehen. Zaccaria Giacometti war Jurist und Rektor der Universität Zürich. Alberto und Zaccaria sind wie Brüder gemeinsam aufgewachsen. Der Student Andreas Hemmeler hat seinen Lehrer Zaccaria Giacometti – Jurist und Rektor der Universität Zürich – bei der Vorlesung fotografiert. (Bilderserie von Andreas Hemmeler aus dem Hörsaal der Universität Zürich vom WS 1957/58). Es ist eine einmalige Schnappschuss-Serie. Nicht inszeniert, sondern spontan und heimlich aufgenommen. Doch diese Momentaufnahme transportiert viel von Zaccaria Giacomettis Auftreten und Selbstverständnis.

«Seine Vorlesungen waren nicht Frontalbegegnungen. Er pflanzte den Stoff nicht gärtnerhaft den Hörern ein, sondern machte sie zu Ohrenzeugen seiner Gedankenentfaltung. Er konnte zum Ostfenster des Hörsaals treten und, einen fernen Punkt fixierend, ein Problem analysieren, gleich einem Bildhauer, der an der Skulptur hier ein Stück wegnimmt und dort eines zufügt, oder einem Maler, der seine Pinselstriche immer wieder verbessert. Als einmal etwas Unruhe aufzukommen schien, hielt er erstaunt inne, blickte bekümmert ins Auditorium und beschämte – ohne auch nur die Stimme zu erheben – die Schwätzer mit den Worten: ‹Aber meine Erren, Sie sind doch gheine Ghinder mehr!› Der Gang der Uhr kümmerte ihn wenig. Erst wenn Minuten nach dem Glockenzeichen diskretes Scharren laut wurde, konnte er, wie aus Entrückung erwachend, schüchtern fragen: ‹Ja, at es schon geläutet?› Diese Eigenart machte aber auch das bei jedem andern Dozenten Undenkbare möglich: die Fotografie. Die geheimen Aufnahmen Giacomettis wurden als kostbare Freundesgaben hochgeschätzt.» (Schilderung des ehemaligen Studenten Prof. Dr. Cyrill Hegnauer, 1921-2016).

Giacometti gab nachträglich die Zustimmung zu den Bildern und zu deren Weitergabe an interessierte Studenten von Giacometti.


Prof. Dr. rer. publ. Andreas Kley hat einen Lehrstuhl für öffentliches Recht, Verfassungsgeschichte sowie Staats- und Rechtsphilosophie an der Universität Zürich inne. Er ist Vizepräsident der Fondazione Centro Giacometti und Biograph von Zaccaria Giacometti (Von Stampa nach Zürich, Der Staatsrechtler Zaccaria Giacometti, sein Leben und Werk und seine Bergeller Künstlerfamilie, Zürich 2014). Mehr

Dr. med. vet. Marco Giacometti ist Präsident der Fondazione Centro Giacometti, Ausstellungsmacher, Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Künstlerfamilie Giacometti und zum Bergell (Die Giacomettis – eine Künstlerdynastie, Wohlen 2014).

Giacometti Art Walk Clip. Mehr Videos finden Sie auf der App Giacometti Art Walk® ©Fondazione Centro Giacometti



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